Philosophie in der Kunsthalle 20. August 2019

Vortrag von Rita Bischof, Berlin

20. August 2019 um 19.30 Uhr

Kosten 6 Euro, ermäßigt und für Mitglieder 4 Euro, Studierende frei!

Im Rahmen der Reihe „Philosophie in der Kunsthalle“ denkt Dr. Rita Bischof sozusagen vom Ende des Prozesses her über den Ursprung der Kunst nach, der für den Philosophen Georges Bataille mit der Geburt des Menschen zusammenfällt. Es ist dies der Moment, da die Menschen das Spiel entdeckten und nützliche Energie für die Herstellung von etwas Schönem, Nutzlosem, Überflüssigem verschwendeten. Geschichtsphilosophisch ist Lascaux dadurch charakterisiert, dass hier der Welt der Arbeit, des Nutzens und der Notwendigkeit eine Welt des Spiels, der Freiheit und des Überflusses an die Seite tritt.  Schon im ersten Satz seiner „Vorrede“ zu „Die Höhlenbilder von Lascaux“ spricht Bataille seine Intention aus: „Mit diesem Werk habe ich zeigen wollen, welche überragende Bedeutung Lascaux in der Geschichte der Kunst und der Menschheit, ja ihrer Menschwerdung zukommt.“ Sein Buch handelt mit anderen Worten von einem doppelten Beginn; es greift Hegels Frage nach dem Übergang vom Tier zum Menschen auf, gibt aber eine andere Antwort darauf. Nicht die Arbeit macht, wie Hegel und Marx meinten, das Spezifische, das absolut Neue des homo sapiens aus: Zwar unterscheidet sie den Menschen vom Tier und führt das Verbot ein, das alle Gewalt, alle Unruhe aus dem Alltagsleben ausschließt, aber der Mensch ist in Batailles Augen erst dann ganz Mensch, wenn er auch das Subjekt einer Überschreitung ist und die Sphäre der Notwendigkeit und der Servilität weit hinter sich lässt. Die Kunst der Höhlenmalerei zeugt von dieser Überschreitung, sie ist ihr sichtbares Ergebnis. Erst die Höhlenkunst übermittelt uns Spuren eines inneren Lebens. Erst sie zeugt von der Fähigkeit des Geistes, sich mitzuteilen und in Austausch mit fremdem Bewusstsein zu treten. Das ist es auch, was der Kunst in den Augen Batailles diesen entscheidenden inkommensurablen Wert verleiht. Ihre Erfindung – eine Art Quantensprung in der menschlichen Evolution – machte schlagartig klar, was der Mensch im eigentlichen Sinn den anderen Lebewesen, auch seinen unmittelbaren Vorläufern, voraus hat.

Rita Bischof, Dr. phil. habil., Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, der Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main, Marburg und Berlin; Forschungsaufenthalte in Paris und Florenz.

Zahlreiche Veröffentlichungen auf den Gebieten der Avantgardeforschung, der vergleichenden Ästhetik und der Kulturanthropologie, u. a. über Walter Benjamin, Franz Kafka, Georges Bataille, André Breton, André Gide, Theodor Lessing, Alfred Döblin, Elias Canetti. Zahlreiche Arbeiten auch über avantgardistische Künstlerinnen wie Eva Hesse, Hannah Höch, Frieda Kahlo, Meret Oppenheim, Toyen, Unica Zürn. Buchveröffentlichungen u. a.: Souveränität und Subversion. Georges Batailles Theorie der Moderne, München 1984. Toyen. Das malerische Werk, Frankfurt am Main, 1987; Lazare meets Orpheus, Berlin 2000; Teleskopagen, wahlweise. Der literarische Surrealismus und das Bild, Frankfurt/M. 2001. Tragisches Lachen. Die Geschichte von „Acéphale“, Berlin 2010. Nadja revisited. Studien zu André Breton, Berlin 2013.