Lingner Kunstpreis 2006

Annelise Coste, Zürich, geb. 1973 in Marseille, erhält den 17. Lingener Kunstpreis. Sie hat von 1995-1999 an der Ecole des Beaux-Arts, Marseille, und an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich studiert. In einem Bericht der Schweizer Weltwoche heißt es über sie: „Wo auch immer sich Annelise Coste mit ihrem Zeichenstift bemerkbar macht, legt sie Spuren. Sie macht auf sich aufmerksam, relativiert ihre eigenen Aussagen und reflektiert sich selbst als Individuum. Und obwohl sie sicherlich nicht die erste ist, die dies tut, verfolgt sie ihren Weg mit einer Insistenz und einer Akribie, die ihr Werk ganz einzigartig machen.“

 

Der Lingener Kunstpreis wird seit 1983 für Malerei ausgelobt. Die Vergaberichtlinien haben sich seither drei mal geändert. Preisträgerinnen und Preisträger seit 1994 waren: Karin Kneffel, Düsseldorf (1994); Andrea Scrima, Berlin (1996); Antje Majewski, Berlin (1998); Matthias Kanter, Leipzig (2000); Amalia Theodorakopoulos, Frankfurt (2002) und Cornelius Völker, Düsseldorf (2004). Zur Jury gehörten: Bettina von Dzimbowski, Kunstverein Springhornhof, Neuenkirchen, Dr. Uwe Schramm, Kunsthaus Essen, und Heiner Schepers, Kunsthalle Lingen als Fachjuroren und Petra Kunzelmann, Sigrid Hohoff und, als Gast, Marleen Oberthür als Laienjuroren.

 

2006 wird der Lingener Kunstpreis erstmalig vom 2004 gegründeten Freundeskreis des Lingener Kunstpreises finanziert, der auch einen Großteil der Kosten für Ausstellung und Katalog übernimmt. Seit 1994 wird der Lingener Kunstpreis alle zwei Jahre vergeben; er ist in diesem Jahr mit 7.777 € dotiert und nicht teilbar. Die Auszeichnung ist verbunden mit einer Einzelausstellung in der 550 qm großen Lingener Kunsthalle, der Herausgabe eines Kataloges und in der Regel mit dem Ankauf eines Werkes oder einer Werkgruppe durch die Stadt Lingen. Ziel des „Lingener Kunstpreises“ soll sein, junge Künstlerinnen und Künstler in ihrer beruflichen Unabhängigkeit zu unterstützen und eigenständiges künstlerisches Schaffen zu fördern. Wirtschaftliche Unabhängigkeit trägt mit dazu bei, die Distanz zu gewähren, die notwendig ist, gesellschaftliche Prozesse aufmerksam zu verfolgen und künstlerisch umzusetzen.

Ulrich Rückriem

Zu einer ungewöhnlichen Begegnung zweier künstlerischer Positionen kommt es in der nächsten Ausstellung des Kunstverein Lingen. Großformatige Fotografie und schwergewichtige Skulptur begegnen sich in den lichten großzügigen Räumen der Lingener Kunsthalle. Im Zentrum stehen dabei 3 Fotografien aus der Serie „Les Nuits Etranges“ (die unheimlichen Nächte) von Yannick Demmerle, geb. 1969 in Sarreguemines, Frankreich, und drei auf einander bezogene Skulpturen Ulrich Rückriems, geb. 1938 in Düsseldorf. Zwei Medien, zwei Generationen, zwei unterschiedliche künstlerische Strategien – in der konsequenten, auf elementare Grundmuster reduzierten Form begegnen sie sich auf überraschende Weise. Vervollständigt wird die Ausstellung durch rund 30 weitere Fotoarbeiten Demmerles aus verschiedenen Serien und durch eine Anzahl weiterer Skulpturen und Zeichnungen und anderer Arbeiten auf Papier von Ulrich Rückriem. Die Ausstellung wird durch die Sparkasse Emsland und die Niedersächsische Sparkassenstiftung gefördert.

 

Yannick Demmerle findet die Motive für seine fotografischen Arbeiten auf ausgedehnten Reisen, die ihn auch in entlegenste Gegenden der Welt führen. Meere, Landschaften und Wälder bilden die Hauptmotive seiner meist großformatigen C-prints, die dem Betrachter den Eindruck vermitteln, wie durch ein Fenster in diese fremden Welten zu schauen. Da hinein entführt die Ausstellung. Tief im Inneren dieser Wälder, dort, wohin kaum noch Licht dringt, weil die Bäume zu hoch sind und zu dicht stehen, hat er „Les Nuits Etranges“, die unheimlichen Nächte gefunden. Die Farben sind die der Nacht, mit all den Assoziationen, die der schwarze Wald mit sich bringt, der sozusagen die Urangst des Menschen vor dem Unbekannten symbolisiert. Demmerle gibt ihm eine strenge, statische Form, die nahezu vergessen lässt, dass es sich um Fotografie und reale Natur handelt. Seine Serien mit Einblicken in tropische Regenwälder, nicht weniger geheimnisvoll doch voller Leben, bilden einen erfrischenden Kontrast dazu. (Alle Arbeiten courtesy Galerie Arndt & Partner, Zürich/Berlin)

 

Einen gänzlich anderen Weg zu seinem Werk beschreitet Ulrich Rückriem. Doch auch er findet sein Rohmaterial in der Natur und auch er muss tief in sie eindringen. Im Steinbruch, weit unter der sichtbaren Oberfläche werden die oft gewaltigen Steine gebrochen, die für seine Arbeiten benötigt werden. Die dreiteilige Skulptur aus dem Jahr 1984, die den „Nuits Etranges“ entgegengestellt wird, ist aus Granit, dessen Farbe zwischen grau und schwarz changiert. Jede ist für sich selbständig, jedoch existieren Zusammenhänge, die Freiplastik, Bodenskulptur und Wandrelief zu einem Ganzen zusammenfügen. Auch sie sind in der für Rückriem seit den 60iger Jahren bekannten und typischen Art realisiert. Dabei steht am Anfang die konzeptuelle Suche nach der Form, die sich in Zeichnungen, Konstruktions- und Aufbauplänen und in Modellen niederschlägt. Ihr folgt die persönliche Auswahl des Materials im Steinbruch und dann das handwerkliche Spalten, Schneiden und Zusammenfügen und das gelegentliche Schleifen des Steins nach seinen Vorgaben. (Arbeiten aus Privatsammlungen in Köln und Belgien und der Galerie Löhrl, Mönchengladbach)

Peter Howson

Erstmalig in Deutschland zeigt die Lingener Kunsthalle Werke des 1958 in London geborenen Malers Peter Howson. In einer umfangreichen, fast retrospektiv zu bezeichnenden Ausstellung werden rund 50 Werke aus der Zeit zwischen 1982 und 2005 zu sehen sein. Peter Howson hat in Glasgow/Schottland studiert und lebt auch heute noch dort. Sein Werk ist in vielen britischen und internationalen Museen und Galerien gezeigt worden und ist in renommierten privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten. Nur in Deutschland ist es nahezu unbekannt.

 

Peter Howson ist ein Maler der sich um die Kriterien des Zeitgeistes nicht schert. In seiner künstlerischen Konsequenz ist er außergewöhnlich und  beachtenswert. Er ist ein Künstler, der sich nicht scheut, Themen wie Krieg und Gewalt, Arbeit und Arbeitslosigkeit und, aktuell, Religion in zugespitzten, realitätsnahen, oft sehr großformatigen „Gemälden“ und Zeichnungen darzustellen. Er hat seine Finger in viele Wunden der Gesellschaft gelegt und legt sie immer wieder in neue. Er ist einer, bei dem es deshalb nicht verwundert, dass er in seinen Bildern immer wieder auch die Auseinandersetzung mit religiösen Themen sucht. Seine neuesten Arbeiten zeigen das mit brutaler Intensität. Er holt Jesus zurück auf die Erde und malt ihn als den, der das Leid unserer Zeit auf sich nimmt. Mit dazu beigetragen hat sicher Howsons Zeit als Kriegsmaler 1993 in Bosnien als „Appointed Offical British War Artist“ und während des Kosovokrieges als „Appointed War Artist“ der London Times. Jobs, die auch nicht besonders zeitgemäß erscheinen, die sich die britische Gesellschaft aber offensichtlich immer noch leistet.

 

Peter Howson sieht sich selber in der Tradition des deutschen Realismus, der durch seine Spielart des „Sozialistischen Realismus“, wie er in der ehemaligen DDR gepflegt worden ist, in unserem Lande etwas in Verruf geraten ist. Max Beckmann und Otto Dix nennt er explizit. Man könnte die Linie seiner „Vorbilder“ aber auch über Hieronymus Bosch, Francesco Goya bis zu Francis Bacon über einen weiteren und internationalen Zeitraum spannen. Nicht, dass er sich in seiner Malerei an ihnen orientieren würde, vielmehr ist er in ähnlicher Weise gnadenlos dicht an seinen Themen. Und immer ist es der Mensch, der im Zentrum seiner Bilder steht. Portraits ziehen sich durch alle Jahre, darunter eine Serien Radierungen von Männerköpfen, Arbeiter, die mit den Namen der Londoner Tube-Stationen betitelt sind, und immer wieder auch Selbstportraits. In seinen Bildern findet man den noch körperlich schwer Arbeitenden und den der keine Arbeit hat, Kampfsportler, wie Boxer, „Krieger“ in verschiedenen Kämpfen und ihre Opfer. Gnadenlos zeigt er die Schrecken der Kriege in ihrer direkten Auswirkung auf die Menschen. Und das alles in Bildern oft geradezu apokalyptischer Wucht, in denen er seine Wut über die vom Menschen verursachten Katastrophen herausschreit. Es sind vielfach komplexe Erzählungen, die sich dem Betrachter entgegenstellen und ihn bannen. Oft scheinen sie nur schwer zu entschlüsseln zu sein, doch immer gibt der Maler auch konkrete Hinweise, manchmal allerdings versteckt.

 

Das mag vielleicht nicht dem Zeitgeist entsprechen. Und doch könnte das Werk Peter Howsons den Blick wieder für eine Malerei öffnen, die sich unbeirrt durch die Geschichte der internationalen Kunst gezogen hat und immer noch zieht.

Rupprecht Geiger

Am Sonntag, dem 28.08.2005, wird um 11.30 Uhr in der Lingener Kunsthalle die Ausstellung „Inneres Leuchten – Farbe als Malerei“ eröffnet. Zur Begrüßung spricht Jochen Kopp, 2. Vorsitzender des Kunstvereins. Eine Einführung in das Werk der 7 internationalen Künstlerinnen und Künstler gibt Heiner Schepers, Leiter der Kunsthalle, der auch die Ausstellung kuratiert hat.

 

Farbfeldmalerei, monochrome Malerei, abstrakte Malerei, konkrete Malerei … – Kategorien und Begriffe, zutreffend für die Ausstellung, aber nicht vollständig, verwirrend und oft auch nicht eindeutig. Die Lingner Ausstellung konzentriert sich auf das „Innere Leuchten“, eine Eigenschaft, die Malerei, die Farbe auch haben kann, und darauf, dass Farbe einen eigenständigen Wert haben kann, ohne etwas anderes zu sein oder sein zu wollen, als sie selbst. In der Ausstellung in den 7 Räumen der Lingener Kunsthalle sind 7 Künstlerinnen und Künstler aus 3 Generationen vertreten, die eine je eigene Position in der Kunstgeschichte einnehmen: der Italiener Antonio Calderara (1903 – 1987), die Deutschen Rupprecht Geiger (geb. 1907), und Gotthard Graubner (geb. 1930), und die Amerikaner Marcia Hafif (geb. 1929), Beverly Semmes (geb. 1958), David Simpson (geb. 1928) und Jerry Zeniuk (geb. 1945). Sie sind mit repräsentativen, meist neuen Werkgruppen oder Werken vertreten. Insgesamt werden rund 80 Arbeiten gezeigt, die Leihgaben aus Museen, Sammlungen, Galerien und der Künstler sind.

 

Die glutvollen Farben der Landschafts- und Stilllebenbilder Antonio Calderaras verlieren sich im Spätwerk in einer Art Selbstauflösung. In der Form seit den 60igern streng auf Quadrate, rechte Winkel und Streifen reduziert, wie in den hier gezeigten Papierarbeiten, ziehen sie ihre Kraft „aus der Reduzierung des Sichtbaren bis an die Grenze des Natürlichen“, wie es Calderara selbst formuliert hat, und dem buchstäblich inneren Leuchten der fast verglühenden Farben.

 

Rupprecht Geiger ist ein Künstler, dessen Werk schon früh seine Kraft aus einer gewissen Selbstbeschränkung zieht, weniger formal, hier gibt es eine enorme Bandbreite, als in der Wahl der Farben. Leuchtender als seine sind keine. Und wie er sie verwendet ist einmalig und unnachahmlich und letztlich unverwechselbar – bis heute, denn seine Schaffenskraft ist auch mit 98 Jahren ungebrochen.

 

Unverwechselbar sind auch für die Bilder, insbesondere die „glühenden“ Farbraumkörper Gotthard Graubners, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiern konnte, und dessen Werke aus einer Berliner Privatsammlung in chronologischer Übersicht seit den 60iger Jahren in einer kleinen konzentrierten Retrospektive seine Entwicklung aufzeigen und mit 14 Arbeiten gewissermaßen das Zentrum der Ausstellung bilden.

 

Marcia Hafif beginnt 1972 mit ihrem langfristig angelegten Arbeitsprojekt, das sie selbst als das „Inventar“ bezeichnet, und das bis heute nicht abgeschlossen ist. Streng analytisch vorgehend, „mit dem Ziel einer Vergewisserung des Sichtbaren“ untersucht sie Farbe und die Möglichkeit des Farbauftrages. Bei ihr ist die Farbe ganz auf sich bezogen, vollgesogen mit Erinnerung und doch scheinbar „nur“ monochrom.

 

David Simpson ist der Maler des Lichts. Sein Material ist kunsthistorisch wohl das jüngste und hat seine Malerei in den 80iger Jahren von Grund auf verändert. Interferenzpigmente, die er bevorzugt verwendet, brauchen besonders gutes Licht, für das die Lingener Kunsthalle berühmt ist, erscheinen monochrom, verändern sich jedoch durch Lichteinfall und Standpunkt des Betrachters zum Bild. Einmal mehr ist dieser dadurch gefordert, Position zur Kunst zu beziehen.

 

Beverly Semmes ist keine Malerin. Ihr Werk ist skulptural und installativ. Gegenstände des Alltags, ein Kleid und eine Vase zum Beispiel, wie jetzt in Lingen, verbinden sich zur raumfüllenden Arbeit „On the Lake“. Ein „Kleid“, an die Wand gehängt, ergießt sich wie eine Schleppe als türkisblaues Meer in den Raum, und wie ein Fels in der Brandung steht darin eine signalrot leuchtende riesige „Vase“. Das Auge des Betrachters verliert sich in der strahlenden Interferenz der beiden abstrakten, sich vom Gegenstand lösenden Komplementärfarben.

 

Auch Jerry Zeniuk, in den Nachkriegswirren in Deutschland geboren, ist Amerikaner, hat lange in New York gelebt und lehrt heute an der Kunstakademie in München. Sein Werk hat sich aus einer fast monochromen „Farb-Ursuppe“ hin zur leuchtenden reinen Farbe entwickelt. Dieser öffnet Zeniuk den Raum des Bildformates, folgt ihr und der Korrespondenz der Farben untereinander und malt so Bilder, die „das langsame und allmähliche Ordnen des Chaos (sind), wie ein Keim, der wächst, reift und altert.“ Prof. Zeniuk wird zur Eröffnung der Ausstellung in Lingen erwartet.

Kerstin Höhne

Am Sonntag, dem 12. Juni 2005, eröffnete der Kunstverein Lingen um 12.00 Uhr in der Kunsthalle neben der Ausstellung „Heinrich Riebesehl – Fotografische Serien“ auch die Ausstellung  „Über das Andere und das Anderssein … Fragen an Dr. Pop“ der Hallenser Künstlerin Kerstin Höhne.  Es spricht die 1. Vorsitzende Marleen Oberthür.

Über die interaktive Videoinstallation heißt es in einer Mitteilung des Kunstvereins: „Über das Andere und das Anderssein … Fragen an Dr. Pop“ lässt sich rückblickend in der über fünfzigjährigen Popgeschichte feststellen, dass es prägend war für die Ästhetik und die Stile der Popkultur. Unter der Folie des Andersseins verbargen sich Abgrenzung und Distinktion, sowie die Zugehörigkeit bzw. Etablierung bestimmter Szenen und Subkulturen. Das Anderssein in der Popgeschichte war gleichzusetzen mit: quer zum Mainstream, quer zum gesellschaftlichen Wertekonsens. So bedeutete das Anderssein für die Helden in der History der Stile (latent) Kulturkampf um kulturelle Hegemonie und Protest gegen einen vorschnellen gesellschaftlichen Wertekonsens. Aber wie sieht es heute aus, das Anderssein? Wie ist es um das Andere und das Anderssein bestellt? Denn in den Medien, den Foren, in Gesprächen spricht man von einer Entwicklung der Spaßkultur, die sich von der Protestkultur entfernt.

Eins ist klar: heute glaubt niemand mehr wirklich an die Kraft von Pop wie er einst war. Es heißt, wir befinden uns heute im Zeitalter des Samplings und des Retros. Und im Grunde genommen  wird ein Retro vom nächsten gejagt. Modemäßig befinden wir uns momentan in den Achtzigern und kaum sind wir richtig angekommen, werden wir sofort in die  Siebziger gebeamt. Leben nach dem Motto „state of the art“  oder aber um eben anders zu sein als die Anderen.

Was bedeutet es, dass sich heute Pop in der Form des Recyclings zunehmend auf sich selbst bezieht? Vielleicht ist ja Popgeschichte schon längst geschrieben und alles, was gesagt werden kann, wurde schon längst gesagt? Jedoch, wie kommt es dabei immer wieder zu neuen Trends? Wie wird Pop transportiert? Gibt es etwas, was dem Pop als Wesentliches zueigen wäre? Diese Fragen sind die Grundlage der Beschäftigung mit dem Thema „Pop und das Anderssein“. Die Poststrukturalisten Gilles Deleuze und Félix Guattari gaben mit dem Begriff des Rhizoms die Richtung für die Struktur und den Aufbau der Arbeit.

Das Rhizom ist in seiner Struktur so angelegt, dass jeder Knoten mit jedem anderen Knoten verbunden werden kann. Darüber hinaus gibt es in seiner Struktur auch die Möglichkeit widersprüchlicher Schlüsse (Paradoxa). Auch  dient es  als Beschreibungsmöglichkeit von (sozialen) Räumen. Im Ergebnis der Transformation der Gedanken zum Anderssein und Pop ist eine 3D Welt entstanden. Die Entwicklung der Darstellungsform der Welt „Über das Andere und das Anderssein … Fragen an Dr. Pop“ folgt in ihrer Umsetzung den Möglichkeiten eines Computerspiels. Die Arbeit ist eine interaktive dreidimensionale VRML-Welt, in der sich die Benutzer (selbst) der Thematik auf eine individuelle Art und Weise nähern können, bzw. nähern müssen. Innerhalb dieser Welt wurden  ausgewählte Zitate gesetzt und audiovisuell ästhetisch formuliert. Der User des Raums agiert interaktiv und individuell, vergleichbar mit einem virtuellen Spaziergang und kann sich somit den oben genannten Fragen und Antworten des Themas selbst nähern und in seiner eigenen Wahrnehmung eine Art

 

Heinrich Riebesehl

Am Sonntag, dem 12. Juni 2005, eröffnet der Kunstverein um 12 Uhr in der Lingener Kunsthalle die Ausstellung: „Heinrich Riebesehl – Fotografische Serien“. Nach der Begrüßung durch die 1. Vorsitzende, Marleen Oberthür, wird Ulrike Schneider, Kuratorin der Ausstellung, die vom Sprengelmuseum Hannover initiiert und organisiert worden ist, eine Einführung in das Werk des Künstlers geben.

 

Heinrich Riebesehl hat die künstlerische Fotografie in Deutschland seit den 1970er Jahren maßgeblich geprägt. Als Fotograf, Kurator und Dozent setzte er sich schon früh für eine auftragsungebundene Fotografie ein und trug mit seinen, vorwiegend in Norddeutschland entstandenen „lakonischen Fotografien einer lakonischen Gegend“ (Peter Sager) zu einer Erneuerung der Dokumentarfotografie bei. Seine Werke sind in bedeutenden europäischen und amerikanischen Museen, Archiven und Privatsammlungen vertreten.

 

Die Ausstellung zeigt eine repräsentative Auswahl von etwa 200 Originalabzügen aus den wichtigsten Serien des in Hannover lebenden Fotografen (geb. 1938 in Lathen/Ems) und zeichnet erstmals die Entstehungsgeschichte seines vielfältigen künstlerischen Werks nach. Sie basiert auf der wissenschaftlichen Bearbeitung des Archivs Heinrich Riebesehl, das vom Land Niedersachsen erworben und dem Sprengel Museum Hannover im Jahr 2001 als Dauerleihgabe übergeben wurde.

Bei den frühesten Arbeiten der Retrospektive handelt es sich um Aufnahmen aus Riebesehls Studienzeit bei Otto Steinert an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen: Neben Fotografien aus der Serie Lokomotiven (1963-1965) werden Arbeiten aus der Bildfolge Happenings (1964-1965) gezeigt, für die Riebesehl Aktionen von Künstlern wie Joseph Beuys, Wolf Vostell oder Nam June Paik bei frühen Fluxus-Veranstaltungen fotografierte.

 

Darüber hinaus belegen fotografische Projekte wie Menschen im Fahrstuhl (20.11.1969) und Selbstdarstellungen (31.7.1971) Riebesehls intensive Auseinandersetzung mit dem fotografischen Porträt in den Jahren 1967 bis 1971.

Wachsende Bekanntheit erlangte Heinrich Riebesehl auch mit den vieldeutigen und oftmals rätselhaften Aufnahmen seiner Serie Situationen und Objekte (1973-1977), die dem „Magischen Realismus“ zugeschrieben werden. Charakteristisch für diese Werkgruppe sind radikale Anschnitte, ungewöhnliche Perspektiven und starke Helldunkelkontraste. Die unmittelbar im Anschluss entstandene Serie Agrarlandschaften (1976-1979), nimmt innerhalb von Riebesehls Gesamtwerk eine Schlüsselrolle ein. Sie markiert den Wechsel von einer subjektiv geprägten Bildsprache zu einer fotografischen Haltung, die als „dokumentarischer Stil“ bezeichnet werden kann, und die von da an kennzeichnend für Riebesehls Werk ist. Im Mittelpunkt der Agrarlandschaften stehen nüchterne, detailgenaue Schwarzweißfotografien von Rübenfeldern, Getreidesilos oder Bauernhöfen, in denen der Fotograf den Blick auf typische Erscheinungsformen der norddeutschen Landschaft lenkt. Die Serie bildet den Auftakt für Riebesehls intensive fotografische Auseinandersetzung mit der Topografie der norddeutschen Kulturlandschaft und belegt die Entwicklung einer eigenständigen künstlerischen Position, für die er u. a. mit dem Bernhard Sprengel Preis für Bildende Kunst 1981 und dem Niedersächsischen Kunstpreis 2000 ausgezeichnet wurde. Die systematische Beschäftigung mit seinem direkten Lebensraum und das konsequente Arbeiten in Serien kennzeichnet auch seine nachfolgend entstandenen fotografischen Projekte. So etwa die Serien Hafenanlagen (1979-1985) und Landschaften (1992) oder auch die Bildfolge Gewerbebauten (1979-1983), die den Fotografen als Entdecker einer spröden, oftmals melancholischen Schönheit des Banalen und Alltäglichen zeigt.

 

Rune Mields – SANCTA RATIO

Am Sonntag, dem 3. April 2005, wurde um 11.30 Uhr in der Lingener Kunsthalle die Ausstellung SANCTA RATIO mit Werken der Kölner Malerin Rune Mields in Anwesenheit der Künstlerin eröffnet. Nach der Begrüßung durch die 1. Vorsitzende des Kunstverein Lingen, Marleen Oberthür, wird Dr. Annelie Pohlen, Bonn, Journalistin und langjährige Leiterin des Bonner Kunstvereins,  in das Werk der Künstlerin einführen.

 

Sancta ratio – heilige Vernunft! So ist diese retrospektiv angelegte  Ausstellungstournee betitelt, die der Kunstverein Lingen zum 70. Geburtstag von Rune Mields zusammenstellt und die ihre erste Station in der Kunsthalle in Lingen hat. Von da geht sie, im Umfang verändert, ins Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. Ein gemeinsamer Katalog wird alle Werkgruppen dokumentieren.

 

Sancta ratio – es gibt wohl keine Malerin, deren Bilder, bei aller malerischen Delikatesse, mehr verstandgesteuert sind als ihre! 1969 hat sie die unverwechselbaren Röhrenbilder gemalt, schwarz/weiße Meditationen über Perspektive und Raum, die den Anfang ihrer künstlerischen Arbeit bilden. Seither ist eine große Vielzahl von Werken entstanden, die meist eingefügt sind in oft umfangreiche Serien. In der Lingener Ausstellung sind 60 vorwiegend großformatige Bilder aus 39 Arbeiten und Werkgruppen versammelt, die einen umfassenden Eindruck vom vielschichtigen Werk einer Künstlerin vermitteln, die sich keiner Gruppe angeschlossen hat, und die sich auch keiner Kunstrichtung zuordnen lässt. Rune Mields ist als Malerin eine Einzelgängerin, als Künstlerin ist sie mit vielen Kollegen befreundet. Einer ihrer engen Freunde war Harry Kramer, der in Lingen geborene Künstler, der es vom Frisör zum deutschen Professor für Bildhauerei gebracht hat und der 1964 mit seinen automobilen Drahtskulpturen zu Dokumenta-Ehren gelangt ist. Für sein künstlerisches Spätwerk, die Künstler-Nekropole in Kassel, in der er anonym beigesetzt ist, hat sie das erste Grabmonument gestaltet: „La vita corre come rivo fluente – Das Leben verläuft wie ein fließender Strom“ (Seneca).

 

Ihre wichtigsten Gesprächspartner für ihre Arbeit sind aber wohl Mathematiker und Wissenschaftler aus anderen Disziplinen. Sie liefern ihr die Informationen für die komplexen Inhalte der in der Regel nach wie vor meist schwarz-weißen Bilder, in denen Zahlen und Schrift, aber auch Symbole aus aller Welt und allen Zeiten eine bildgestaltende Rolle übernehmen. Sie ist eine Sammlerin von Zeichen und Ziffern. Für ihre Arbeit „Magische Quadrate der Ordnung 3“ hat sie bis heute 96 verschiedene Zahlensysteme zusammengetragen, die der Kunstverein Lingen 2004 in der Ausstellung „Die Qual der Zahl“ in der Lingener Kunsthalle gezeigt hat. Primzahlen sind eine besondere Leidenschaft von Rune Mields, für viele, vor allem die größten bisher bekannten dieser nur durch sich selbst und durch 1 teilbaren Zahlen hat sie Lösungen zu ihrer bildnerische Darstellung gefunden.

 

„Von der Warte eines Mathematikers,“ – so heißt es in einem Katalog – „der ihre Kunstwerke nicht nur wegen ihres Inhaltes, sondern vor allem wegen ihrer ästhetischen Erscheinung bewundert, bleibt nur zu sagen: Wenn Rune Mields alle von ihrem künstlerisch hochrangigen Werk tangierten Disziplinen so umfassend und sinnvoll zu integrieren vermag, wie es ihr am Beispiel der Mathematik gelingt, nähert sie sich den Künstler-Ingenieuren der Renaissance.“

Kay Kaul

Im Kabinett werden Panoramaaufnahmen von Kay Kaul aus Künstlerateliers, Galerien und Sammlerwohnungen gezeigt. Seit mehreren Jahren konzentriert sich der Düsseldorfer Fotograf auf diese spezielle Fototechnik, bei der im 30 Grad Rhythmus Räume horizontal rundum erfass werden. Besonders ist dabei die Lichtführung, die Tages- und Kunstlicht gleichzeitig nutzt, was bisher in der Fotografie für kaum möglich gehalten wurde, und so äußerst realitätsnahe Aufnahmen entstehen lässt. Diese sind gleichzeitig zeitgenössische Dokumente der drei Grundsäulen der Kunstszene: Atelier, als Entstehungsort der Kunst, Galerie, die die Kunst erwerbbar macht und Privatwohnung, in der die Kunst meist lange bevor sie im Museum landet, ihren Platz findet. Auf einigen der Fotos der Serien Studioscapes, Galleryscapes und Collectorsscapes werden Arbeiten von Künstlern und Künstlerinnen zu sehen sein, die in Lingen gezeigt worden sind. Kataloge zu den drei Werkgruppen liegen vor.

Cross Border

Am Sonntag, dem 9. Januar 2005, wurde um 11.30 Uhr im Kabinett der Kunsthalle die Ausstellung Cross Border NL – D mit Installationen von Saskia Boelsums und Peter Veen und Malerei von Rudy Lanjouw eröffnet. Diese Ausstellung wird eine Reihe eröffnen, in der Künstlerinnen und Künstler aus der Lingener Region und aus der Nachbarregion Drenthe in den Niederlanden ins Gespräch kommen sollen und ihre Werke im jeweils anderen Land zeigen können. Es sprechen Marleen Oberthür, 1. Vorsitzende des Kunstvereins und Roelof Offereins. Direktor des CBK Drenthe.

Auffällig, fröhlich, überraschend, interaktiv. Das sind Schlüsselwörter für das Werk des holländischen Künstlerduos Saskia Boelsums und Peter Veen, von denen eine Reihe von repräsentativen Installationen im Kabinett der Kunsthalle zu sehen sind. In dieser Ausstellung sind zudem neue Bilder des holländischen Malers Rudy Lanjouw zu sehen.

Saskia Boelsums und Peter Veen machen Installationskunst, die im Prinzip jede Form haben kann, die oft Laute von sich gibt, die sich vielleicht bewegt oder aus unerwarteten Materialien aufgebaut ist. Das Konzept oder die Idee wird von ihnen in Text und Bild ausgearbeitet. Die Installation Herbst zum Beispiel reduziert das komplizierte „Konzept“ des Herbstes auf eine simple Fußbewegung. Natürlich gibt es auch einen tieferen Hintergrund, denn die Natur in Europa verändert sich schnell infolge der Klimaänderungen. Herbst ist eine Rekonstruktion, mit der versucht wird, das Wesentliche des Herbstes festzulegen und zu bewahren. Beide Künstler finden, dass “Kunst natürlich auch eine tiefere Ebene haben muss, Kunst muss zugleich aber auch überraschend sein und den Besucher eben kurz austricksen”, wie sie sagen.

In Rudy Lanjouws Bildern geht es um die Darstellungen der Wirklichkeit. Gegenstände, oft Fundstücke wie Steine, vor allem aber menschliche Figuren, gezeichnet zunächst mit Buntstift, sind Inhalt seiner Werke. In den letzten Jahren reduzierte er die Figuren auf Kopf und Schulterpartie. Dabei geht es ihm in erster Linie um den Umriss. Diese Form taucht mit Unterbrechungen immer wieder in seinem Werk auf. Lanjouw vermengt Farbe mit Sand und Marmorstaub und trägt diese in Schichten auf. Er hat keine Angst vor starken Kontrasten und fröhlichen, manchmal fast grellen Farben. Inzwischen hat er eine persönliche, abstrakte Formensprache entwickelt. Er lässt sich aber immer noch regelmäßig durch Fundstücke überraschen.