Rupprecht Geiger

Am Sonntag, dem 28.08.2005, wird um 11.30 Uhr in der Lingener Kunsthalle die Ausstellung „Inneres Leuchten – Farbe als Malerei“ eröffnet. Zur Begrüßung spricht Jochen Kopp, 2. Vorsitzender des Kunstvereins. Eine Einführung in das Werk der 7 internationalen Künstlerinnen und Künstler gibt Heiner Schepers, Leiter der Kunsthalle, der auch die Ausstellung kuratiert hat.

 

Farbfeldmalerei, monochrome Malerei, abstrakte Malerei, konkrete Malerei … – Kategorien und Begriffe, zutreffend für die Ausstellung, aber nicht vollständig, verwirrend und oft auch nicht eindeutig. Die Lingner Ausstellung konzentriert sich auf das „Innere Leuchten“, eine Eigenschaft, die Malerei, die Farbe auch haben kann, und darauf, dass Farbe einen eigenständigen Wert haben kann, ohne etwas anderes zu sein oder sein zu wollen, als sie selbst. In der Ausstellung in den 7 Räumen der Lingener Kunsthalle sind 7 Künstlerinnen und Künstler aus 3 Generationen vertreten, die eine je eigene Position in der Kunstgeschichte einnehmen: der Italiener Antonio Calderara (1903 – 1987), die Deutschen Rupprecht Geiger (geb. 1907), und Gotthard Graubner (geb. 1930), und die Amerikaner Marcia Hafif (geb. 1929), Beverly Semmes (geb. 1958), David Simpson (geb. 1928) und Jerry Zeniuk (geb. 1945). Sie sind mit repräsentativen, meist neuen Werkgruppen oder Werken vertreten. Insgesamt werden rund 80 Arbeiten gezeigt, die Leihgaben aus Museen, Sammlungen, Galerien und der Künstler sind.

 

Die glutvollen Farben der Landschafts- und Stilllebenbilder Antonio Calderaras verlieren sich im Spätwerk in einer Art Selbstauflösung. In der Form seit den 60igern streng auf Quadrate, rechte Winkel und Streifen reduziert, wie in den hier gezeigten Papierarbeiten, ziehen sie ihre Kraft „aus der Reduzierung des Sichtbaren bis an die Grenze des Natürlichen“, wie es Calderara selbst formuliert hat, und dem buchstäblich inneren Leuchten der fast verglühenden Farben.

 

Rupprecht Geiger ist ein Künstler, dessen Werk schon früh seine Kraft aus einer gewissen Selbstbeschränkung zieht, weniger formal, hier gibt es eine enorme Bandbreite, als in der Wahl der Farben. Leuchtender als seine sind keine. Und wie er sie verwendet ist einmalig und unnachahmlich und letztlich unverwechselbar – bis heute, denn seine Schaffenskraft ist auch mit 98 Jahren ungebrochen.

 

Unverwechselbar sind auch für die Bilder, insbesondere die „glühenden“ Farbraumkörper Gotthard Graubners, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiern konnte, und dessen Werke aus einer Berliner Privatsammlung in chronologischer Übersicht seit den 60iger Jahren in einer kleinen konzentrierten Retrospektive seine Entwicklung aufzeigen und mit 14 Arbeiten gewissermaßen das Zentrum der Ausstellung bilden.

 

Marcia Hafif beginnt 1972 mit ihrem langfristig angelegten Arbeitsprojekt, das sie selbst als das „Inventar“ bezeichnet, und das bis heute nicht abgeschlossen ist. Streng analytisch vorgehend, „mit dem Ziel einer Vergewisserung des Sichtbaren“ untersucht sie Farbe und die Möglichkeit des Farbauftrages. Bei ihr ist die Farbe ganz auf sich bezogen, vollgesogen mit Erinnerung und doch scheinbar „nur“ monochrom.

 

David Simpson ist der Maler des Lichts. Sein Material ist kunsthistorisch wohl das jüngste und hat seine Malerei in den 80iger Jahren von Grund auf verändert. Interferenzpigmente, die er bevorzugt verwendet, brauchen besonders gutes Licht, für das die Lingener Kunsthalle berühmt ist, erscheinen monochrom, verändern sich jedoch durch Lichteinfall und Standpunkt des Betrachters zum Bild. Einmal mehr ist dieser dadurch gefordert, Position zur Kunst zu beziehen.

 

Beverly Semmes ist keine Malerin. Ihr Werk ist skulptural und installativ. Gegenstände des Alltags, ein Kleid und eine Vase zum Beispiel, wie jetzt in Lingen, verbinden sich zur raumfüllenden Arbeit „On the Lake“. Ein „Kleid“, an die Wand gehängt, ergießt sich wie eine Schleppe als türkisblaues Meer in den Raum, und wie ein Fels in der Brandung steht darin eine signalrot leuchtende riesige „Vase“. Das Auge des Betrachters verliert sich in der strahlenden Interferenz der beiden abstrakten, sich vom Gegenstand lösenden Komplementärfarben.

 

Auch Jerry Zeniuk, in den Nachkriegswirren in Deutschland geboren, ist Amerikaner, hat lange in New York gelebt und lehrt heute an der Kunstakademie in München. Sein Werk hat sich aus einer fast monochromen „Farb-Ursuppe“ hin zur leuchtenden reinen Farbe entwickelt. Dieser öffnet Zeniuk den Raum des Bildformates, folgt ihr und der Korrespondenz der Farben untereinander und malt so Bilder, die „das langsame und allmähliche Ordnen des Chaos (sind), wie ein Keim, der wächst, reift und altert.“ Prof. Zeniuk wird zur Eröffnung der Ausstellung in Lingen erwartet.

Kerstin Höhne

Am Sonntag, dem 12. Juni 2005, eröffnete der Kunstverein Lingen um 12.00 Uhr in der Kunsthalle neben der Ausstellung „Heinrich Riebesehl – Fotografische Serien“ auch die Ausstellung  „Über das Andere und das Anderssein … Fragen an Dr. Pop“ der Hallenser Künstlerin Kerstin Höhne.  Es spricht die 1. Vorsitzende Marleen Oberthür.

Über die interaktive Videoinstallation heißt es in einer Mitteilung des Kunstvereins: „Über das Andere und das Anderssein … Fragen an Dr. Pop“ lässt sich rückblickend in der über fünfzigjährigen Popgeschichte feststellen, dass es prägend war für die Ästhetik und die Stile der Popkultur. Unter der Folie des Andersseins verbargen sich Abgrenzung und Distinktion, sowie die Zugehörigkeit bzw. Etablierung bestimmter Szenen und Subkulturen. Das Anderssein in der Popgeschichte war gleichzusetzen mit: quer zum Mainstream, quer zum gesellschaftlichen Wertekonsens. So bedeutete das Anderssein für die Helden in der History der Stile (latent) Kulturkampf um kulturelle Hegemonie und Protest gegen einen vorschnellen gesellschaftlichen Wertekonsens. Aber wie sieht es heute aus, das Anderssein? Wie ist es um das Andere und das Anderssein bestellt? Denn in den Medien, den Foren, in Gesprächen spricht man von einer Entwicklung der Spaßkultur, die sich von der Protestkultur entfernt.

Eins ist klar: heute glaubt niemand mehr wirklich an die Kraft von Pop wie er einst war. Es heißt, wir befinden uns heute im Zeitalter des Samplings und des Retros. Und im Grunde genommen  wird ein Retro vom nächsten gejagt. Modemäßig befinden wir uns momentan in den Achtzigern und kaum sind wir richtig angekommen, werden wir sofort in die  Siebziger gebeamt. Leben nach dem Motto „state of the art“  oder aber um eben anders zu sein als die Anderen.

Was bedeutet es, dass sich heute Pop in der Form des Recyclings zunehmend auf sich selbst bezieht? Vielleicht ist ja Popgeschichte schon längst geschrieben und alles, was gesagt werden kann, wurde schon längst gesagt? Jedoch, wie kommt es dabei immer wieder zu neuen Trends? Wie wird Pop transportiert? Gibt es etwas, was dem Pop als Wesentliches zueigen wäre? Diese Fragen sind die Grundlage der Beschäftigung mit dem Thema „Pop und das Anderssein“. Die Poststrukturalisten Gilles Deleuze und Félix Guattari gaben mit dem Begriff des Rhizoms die Richtung für die Struktur und den Aufbau der Arbeit.

Das Rhizom ist in seiner Struktur so angelegt, dass jeder Knoten mit jedem anderen Knoten verbunden werden kann. Darüber hinaus gibt es in seiner Struktur auch die Möglichkeit widersprüchlicher Schlüsse (Paradoxa). Auch  dient es  als Beschreibungsmöglichkeit von (sozialen) Räumen. Im Ergebnis der Transformation der Gedanken zum Anderssein und Pop ist eine 3D Welt entstanden. Die Entwicklung der Darstellungsform der Welt „Über das Andere und das Anderssein … Fragen an Dr. Pop“ folgt in ihrer Umsetzung den Möglichkeiten eines Computerspiels. Die Arbeit ist eine interaktive dreidimensionale VRML-Welt, in der sich die Benutzer (selbst) der Thematik auf eine individuelle Art und Weise nähern können, bzw. nähern müssen. Innerhalb dieser Welt wurden  ausgewählte Zitate gesetzt und audiovisuell ästhetisch formuliert. Der User des Raums agiert interaktiv und individuell, vergleichbar mit einem virtuellen Spaziergang und kann sich somit den oben genannten Fragen und Antworten des Themas selbst nähern und in seiner eigenen Wahrnehmung eine Art

 

Heinrich Riebesehl

Am Sonntag, dem 12. Juni 2005, eröffnet der Kunstverein um 12 Uhr in der Lingener Kunsthalle die Ausstellung: „Heinrich Riebesehl – Fotografische Serien“. Nach der Begrüßung durch die 1. Vorsitzende, Marleen Oberthür, wird Ulrike Schneider, Kuratorin der Ausstellung, die vom Sprengelmuseum Hannover initiiert und organisiert worden ist, eine Einführung in das Werk des Künstlers geben.

 

Heinrich Riebesehl hat die künstlerische Fotografie in Deutschland seit den 1970er Jahren maßgeblich geprägt. Als Fotograf, Kurator und Dozent setzte er sich schon früh für eine auftragsungebundene Fotografie ein und trug mit seinen, vorwiegend in Norddeutschland entstandenen „lakonischen Fotografien einer lakonischen Gegend“ (Peter Sager) zu einer Erneuerung der Dokumentarfotografie bei. Seine Werke sind in bedeutenden europäischen und amerikanischen Museen, Archiven und Privatsammlungen vertreten.

 

Die Ausstellung zeigt eine repräsentative Auswahl von etwa 200 Originalabzügen aus den wichtigsten Serien des in Hannover lebenden Fotografen (geb. 1938 in Lathen/Ems) und zeichnet erstmals die Entstehungsgeschichte seines vielfältigen künstlerischen Werks nach. Sie basiert auf der wissenschaftlichen Bearbeitung des Archivs Heinrich Riebesehl, das vom Land Niedersachsen erworben und dem Sprengel Museum Hannover im Jahr 2001 als Dauerleihgabe übergeben wurde.

Bei den frühesten Arbeiten der Retrospektive handelt es sich um Aufnahmen aus Riebesehls Studienzeit bei Otto Steinert an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen: Neben Fotografien aus der Serie Lokomotiven (1963-1965) werden Arbeiten aus der Bildfolge Happenings (1964-1965) gezeigt, für die Riebesehl Aktionen von Künstlern wie Joseph Beuys, Wolf Vostell oder Nam June Paik bei frühen Fluxus-Veranstaltungen fotografierte.

 

Darüber hinaus belegen fotografische Projekte wie Menschen im Fahrstuhl (20.11.1969) und Selbstdarstellungen (31.7.1971) Riebesehls intensive Auseinandersetzung mit dem fotografischen Porträt in den Jahren 1967 bis 1971.

Wachsende Bekanntheit erlangte Heinrich Riebesehl auch mit den vieldeutigen und oftmals rätselhaften Aufnahmen seiner Serie Situationen und Objekte (1973-1977), die dem „Magischen Realismus“ zugeschrieben werden. Charakteristisch für diese Werkgruppe sind radikale Anschnitte, ungewöhnliche Perspektiven und starke Helldunkelkontraste. Die unmittelbar im Anschluss entstandene Serie Agrarlandschaften (1976-1979), nimmt innerhalb von Riebesehls Gesamtwerk eine Schlüsselrolle ein. Sie markiert den Wechsel von einer subjektiv geprägten Bildsprache zu einer fotografischen Haltung, die als „dokumentarischer Stil“ bezeichnet werden kann, und die von da an kennzeichnend für Riebesehls Werk ist. Im Mittelpunkt der Agrarlandschaften stehen nüchterne, detailgenaue Schwarzweißfotografien von Rübenfeldern, Getreidesilos oder Bauernhöfen, in denen der Fotograf den Blick auf typische Erscheinungsformen der norddeutschen Landschaft lenkt. Die Serie bildet den Auftakt für Riebesehls intensive fotografische Auseinandersetzung mit der Topografie der norddeutschen Kulturlandschaft und belegt die Entwicklung einer eigenständigen künstlerischen Position, für die er u. a. mit dem Bernhard Sprengel Preis für Bildende Kunst 1981 und dem Niedersächsischen Kunstpreis 2000 ausgezeichnet wurde. Die systematische Beschäftigung mit seinem direkten Lebensraum und das konsequente Arbeiten in Serien kennzeichnet auch seine nachfolgend entstandenen fotografischen Projekte. So etwa die Serien Hafenanlagen (1979-1985) und Landschaften (1992) oder auch die Bildfolge Gewerbebauten (1979-1983), die den Fotografen als Entdecker einer spröden, oftmals melancholischen Schönheit des Banalen und Alltäglichen zeigt.

 

Rune Mields – SANCTA RATIO

Am Sonntag, dem 3. April 2005, wurde um 11.30 Uhr in der Lingener Kunsthalle die Ausstellung SANCTA RATIO mit Werken der Kölner Malerin Rune Mields in Anwesenheit der Künstlerin eröffnet. Nach der Begrüßung durch die 1. Vorsitzende des Kunstverein Lingen, Marleen Oberthür, wird Dr. Annelie Pohlen, Bonn, Journalistin und langjährige Leiterin des Bonner Kunstvereins,  in das Werk der Künstlerin einführen.

 

Sancta ratio – heilige Vernunft! So ist diese retrospektiv angelegte  Ausstellungstournee betitelt, die der Kunstverein Lingen zum 70. Geburtstag von Rune Mields zusammenstellt und die ihre erste Station in der Kunsthalle in Lingen hat. Von da geht sie, im Umfang verändert, ins Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. Ein gemeinsamer Katalog wird alle Werkgruppen dokumentieren.

 

Sancta ratio – es gibt wohl keine Malerin, deren Bilder, bei aller malerischen Delikatesse, mehr verstandgesteuert sind als ihre! 1969 hat sie die unverwechselbaren Röhrenbilder gemalt, schwarz/weiße Meditationen über Perspektive und Raum, die den Anfang ihrer künstlerischen Arbeit bilden. Seither ist eine große Vielzahl von Werken entstanden, die meist eingefügt sind in oft umfangreiche Serien. In der Lingener Ausstellung sind 60 vorwiegend großformatige Bilder aus 39 Arbeiten und Werkgruppen versammelt, die einen umfassenden Eindruck vom vielschichtigen Werk einer Künstlerin vermitteln, die sich keiner Gruppe angeschlossen hat, und die sich auch keiner Kunstrichtung zuordnen lässt. Rune Mields ist als Malerin eine Einzelgängerin, als Künstlerin ist sie mit vielen Kollegen befreundet. Einer ihrer engen Freunde war Harry Kramer, der in Lingen geborene Künstler, der es vom Frisör zum deutschen Professor für Bildhauerei gebracht hat und der 1964 mit seinen automobilen Drahtskulpturen zu Dokumenta-Ehren gelangt ist. Für sein künstlerisches Spätwerk, die Künstler-Nekropole in Kassel, in der er anonym beigesetzt ist, hat sie das erste Grabmonument gestaltet: „La vita corre come rivo fluente – Das Leben verläuft wie ein fließender Strom“ (Seneca).

 

Ihre wichtigsten Gesprächspartner für ihre Arbeit sind aber wohl Mathematiker und Wissenschaftler aus anderen Disziplinen. Sie liefern ihr die Informationen für die komplexen Inhalte der in der Regel nach wie vor meist schwarz-weißen Bilder, in denen Zahlen und Schrift, aber auch Symbole aus aller Welt und allen Zeiten eine bildgestaltende Rolle übernehmen. Sie ist eine Sammlerin von Zeichen und Ziffern. Für ihre Arbeit „Magische Quadrate der Ordnung 3“ hat sie bis heute 96 verschiedene Zahlensysteme zusammengetragen, die der Kunstverein Lingen 2004 in der Ausstellung „Die Qual der Zahl“ in der Lingener Kunsthalle gezeigt hat. Primzahlen sind eine besondere Leidenschaft von Rune Mields, für viele, vor allem die größten bisher bekannten dieser nur durch sich selbst und durch 1 teilbaren Zahlen hat sie Lösungen zu ihrer bildnerische Darstellung gefunden.

 

„Von der Warte eines Mathematikers,“ – so heißt es in einem Katalog – „der ihre Kunstwerke nicht nur wegen ihres Inhaltes, sondern vor allem wegen ihrer ästhetischen Erscheinung bewundert, bleibt nur zu sagen: Wenn Rune Mields alle von ihrem künstlerisch hochrangigen Werk tangierten Disziplinen so umfassend und sinnvoll zu integrieren vermag, wie es ihr am Beispiel der Mathematik gelingt, nähert sie sich den Künstler-Ingenieuren der Renaissance.“

Kay Kaul

Im Kabinett werden Panoramaaufnahmen von Kay Kaul aus Künstlerateliers, Galerien und Sammlerwohnungen gezeigt. Seit mehreren Jahren konzentriert sich der Düsseldorfer Fotograf auf diese spezielle Fototechnik, bei der im 30 Grad Rhythmus Räume horizontal rundum erfass werden. Besonders ist dabei die Lichtführung, die Tages- und Kunstlicht gleichzeitig nutzt, was bisher in der Fotografie für kaum möglich gehalten wurde, und so äußerst realitätsnahe Aufnahmen entstehen lässt. Diese sind gleichzeitig zeitgenössische Dokumente der drei Grundsäulen der Kunstszene: Atelier, als Entstehungsort der Kunst, Galerie, die die Kunst erwerbbar macht und Privatwohnung, in der die Kunst meist lange bevor sie im Museum landet, ihren Platz findet. Auf einigen der Fotos der Serien Studioscapes, Galleryscapes und Collectorsscapes werden Arbeiten von Künstlern und Künstlerinnen zu sehen sein, die in Lingen gezeigt worden sind. Kataloge zu den drei Werkgruppen liegen vor.

Cross Border

Am Sonntag, dem 9. Januar 2005, wurde um 11.30 Uhr im Kabinett der Kunsthalle die Ausstellung Cross Border NL – D mit Installationen von Saskia Boelsums und Peter Veen und Malerei von Rudy Lanjouw eröffnet. Diese Ausstellung wird eine Reihe eröffnen, in der Künstlerinnen und Künstler aus der Lingener Region und aus der Nachbarregion Drenthe in den Niederlanden ins Gespräch kommen sollen und ihre Werke im jeweils anderen Land zeigen können. Es sprechen Marleen Oberthür, 1. Vorsitzende des Kunstvereins und Roelof Offereins. Direktor des CBK Drenthe.

Auffällig, fröhlich, überraschend, interaktiv. Das sind Schlüsselwörter für das Werk des holländischen Künstlerduos Saskia Boelsums und Peter Veen, von denen eine Reihe von repräsentativen Installationen im Kabinett der Kunsthalle zu sehen sind. In dieser Ausstellung sind zudem neue Bilder des holländischen Malers Rudy Lanjouw zu sehen.

Saskia Boelsums und Peter Veen machen Installationskunst, die im Prinzip jede Form haben kann, die oft Laute von sich gibt, die sich vielleicht bewegt oder aus unerwarteten Materialien aufgebaut ist. Das Konzept oder die Idee wird von ihnen in Text und Bild ausgearbeitet. Die Installation Herbst zum Beispiel reduziert das komplizierte „Konzept“ des Herbstes auf eine simple Fußbewegung. Natürlich gibt es auch einen tieferen Hintergrund, denn die Natur in Europa verändert sich schnell infolge der Klimaänderungen. Herbst ist eine Rekonstruktion, mit der versucht wird, das Wesentliche des Herbstes festzulegen und zu bewahren. Beide Künstler finden, dass “Kunst natürlich auch eine tiefere Ebene haben muss, Kunst muss zugleich aber auch überraschend sein und den Besucher eben kurz austricksen”, wie sie sagen.

In Rudy Lanjouws Bildern geht es um die Darstellungen der Wirklichkeit. Gegenstände, oft Fundstücke wie Steine, vor allem aber menschliche Figuren, gezeichnet zunächst mit Buntstift, sind Inhalt seiner Werke. In den letzten Jahren reduzierte er die Figuren auf Kopf und Schulterpartie. Dabei geht es ihm in erster Linie um den Umriss. Diese Form taucht mit Unterbrechungen immer wieder in seinem Werk auf. Lanjouw vermengt Farbe mit Sand und Marmorstaub und trägt diese in Schichten auf. Er hat keine Angst vor starken Kontrasten und fröhlichen, manchmal fast grellen Farben. Inzwischen hat er eine persönliche, abstrakte Formensprache entwickelt. Er lässt sich aber immer noch regelmäßig durch Fundstücke überraschen.

Roland Fischer – Comino

Im künstlerischen Werk des Münchener Fotografen, Roland Fischer, geb. 1958, sind Menschen und Architektur die bestimmenden Sujets. Für den Fotografen steht jedoch nicht das Abbild von Wirklichkeit im Vordergrund, sondern vielmehr die Vorstellung einer exakten Trennung zwischen Motiv und Kontext. In dem er seine vorab entwickelten Bildideen bewusst in Widerspruch zur Abbildungsfunktion der Fotografie setzt, berührt Roland Fischer nicht nur die Frage nach der Autonomie der Kunst, sondern reflektiert auch die Antworten.

In der Ausstellung in der Lingener Kunsthalle werden Arbeiten aus der Werkgruppe „Camino“ gezeigt. Diese werden ergänzt durch Fotoarbeiten aus der umfangreichen und noch nicht abgeschlossenen Reihe „Fassaden“.

Bei den Camino-Arbeiten handelt es sich um das Ergebnis einer Reise, die Roland Fischer auf Vorschlag des CGAC (Centro Galego de Arte Contemporánea), im Frühjahr 2003 unternahm. Er sollte die Kathedralen und Kirchen des Pilgerweges nach Santiago portraitieren und die durch Jahrhunderte hindurch für den Gottesdienst und die Beherbergung der Pilger bestimmten Stätten von neuem besuchen. Dabei sollte er die Protagonisten des Jakobswegs nicht außer acht lassen: die Pilger – mehr als Tausend hat er fotografiert und deren Portraits zu einem riesigen Tableau zusammengefasst. Portraits sind aber auch seine Aufnahmen der Kathedralen und Kirchen, sie präsentieren übereinander gelagerte Ansichten der emblematischen Gebäude, und, in dem sie die erkennbaren Fragmente vereinbaren, zeigen sie eine irgendwie abstrakte Wirklichkeit, wo Transparenz zur Metapher des Unsichtbaren wird.

Lingener Kunstpreis 2004 – Malerei

Die Entscheidung zur Vergabe des Lingener Kunstpreises 2004 ist gefallen. Die Jury hat am 23. Juni 2004 getagt und den Preis an Cornelius Völker vergeben. Der Kunstverein Lingen zeigt den Düsseldorfer Künstler in der Lingener Kunsthalle auf 550 qm in einer umfangreichen Einzelausstellung vom 24. Oktober bis zum 18. Dezember 2004.

 

Zur Jury gehörten als Gäste Rita Kersting, Direktorin des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, und Dr. Daniel Spanke, Leiter der Kunsthalle in Wilhelmshaven. Heiner Schepers, Leiter der Lingener Kunsthalle, war ein weiterer Fachjuror und als Laienjuroren gehörten aus dem Arbeitskreis Ausstellungen des Kunstverein Lingen, Sigrid Hohoff, Petra Kunzelmann und Richard Lange zur Jury. Diese hat sich nach ausgiebiger Diskussion dafür entschieden, den Preis an Cornelius Völker, geb. 1965, zu verleihen, einen Künstler, dessen malerisches Werk unverwechselbar, vielseitig und von außergewöhnlicher malerischer Dichte ist. Die Entscheidung ist mehrheitlich getroffen worden.

Cornelius Völker hat in Düsseldorf an der Kunstakademie bei Prof. Dieter Krieg studiert, bei dem er auch 1994/95 Meisterschüler war. Seine Arbeiten verleugnen diesen Hintergrund nicht, zeigen aber deutlich, dass er sowohl in der Malerei als auch in den Inhalten einen eigenen Weg geht. Er bekennt sich uneingeschränkt zur Figuration, spielt seine Sujets in Reihen durch und verfügt über eine unerschöpfliche inhaltliche Vielfalt.

Der Lingener Kunstpreis wird in diesem Jahr von der Emsländischen Sparkassenstiftung  getragen. Er wird seit 1994 alle 2 Jahre vergeben, ab diesem Jahr nach erneut geänderten Spielregeln. Er ist ein reiner Malereipreis und jetzt mit 7.777 € Preisgeld ausgestattet. Er ist verbunden mit einer Einzelausstellung in der Lingener Kunsthalle und der Herausgabe eines Kataloges (da mit Aufnahmen aus der Ausstellung erst Mitte November). Die Stadt Lingen kauft voraussichtlich für die städtische Kunstsammlung eine zentrale Arbeit an. Preisträgerinnen seit 1994 waren Karin Kneffel, Düsseldorf, 1994, Andrea Scrima, Berlin, 1996, Antje Majewski, Berlin, 1998, Matthias Kanter, Leipzig, 2000 und Amalia Theodorakopoulos, Frankfurt, 2002. Seit 1983 wird der Lingener Kunstpreis (bis 1992 jährlich) zum 16. Mal verliehen.

Martin Eder – Die kalte Kraft

In der Lingener Kunsthalle ist ab dem 15. August einer der zur Zeit am meisten diskutierten Maler der jüngeren Generation zu sehen. Seine Ausstellung wird um 11.30 Uhr durch Marleen Oberthür, 1. Vorsitzende des Kunstvereins eröffnet. Eine Einführung in das Werk gibt der Leiter der Kunsthalle, Heiner Schepers. Der Künstler wird bei der Eröffnung anwesend sein. Martin Eder, geboren 1968, ist ein außergewöhnlicher Maler. In seinem bisherigen Werk spielen aber auch Installation, Skulptur, Film und Performance eine herausragende Rolle. In der Lingener Kunsthalle gibt er mit vielen neuen Arbeiten einen umfangreichen Einblick in sein aktuelles Werk.

Schönheit und Morbidität sind in seinen Arbeiten eng miteinander verbunden. Vor allem Eders leuchtende Aquarelle haben die verträumt romantische Ästhetik des Mediums abgelegt. In ihnen herrscht die schnelllebige, mediengesättigte Realität von 30-Sekunden-Werbespots und einer urbanen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts – fragmentierte Erinnerungen, Fernsehbilder und Songs, die vor allem durch ihren kommerziellen Kontext vermittelt werden.

Eines seiner unverwechselbaren „Markenzeichen“ sind mit sicherer Hand gemalte, farbenfreudige, unschuldige Porträts von Katzen und Hunden – und von schönen Frauen. Dabei erwecken deren Schönheit und ihr nicht sofort durchscheinender ängstlicher existentialistischer Kern auch ein Gefühl des Morbiden. Eder bringt diesen Kern ans Licht, indem er die Popkultur des Grusels zitiert, die von süßen, kitschigen Gesichtern zehrt – Fassaden des blanken Horror vacui – die über eine darunter lauernde furchtbare Leere hinwegtäuschen.

Ein anderes sind seine Installationen, in denen er Skulptur, Malerei und oft auch Performance verbindet. In ihnen spürt er der Realität einer Gegenwart nach, die sich für viele Zeitgenossen weitgehend im „Erleben“ aus Medien speist; „Realität“ mediengerecht aufbereitet, in leicht konsumierbaren Häppchen gereicht, das Grauen der realen Nachrichten zwischen die Ästhetik der Werbung und der sie begleitenden banalen Serien gepackt. Martin Eder konfrontiert den Betrachter in seinen Arbeiten aus unmittelbarer Nähe mit dieser Medienrealität – und mit dem ihm eigentlich Wichtigen – dem Reich der Erinnerung, der Melancholie und des Vergehens. Mit kalter Kraft nutzt er eine Ästhetik, die glitzernde Verführung mit horrorfilmhafter Theatralik vereint, um ein System aus künstlichen Werten und eine damit einhergehende Welt des Verlustes zu beschreiben.

„Er ist (dabei) kein politisch oder systemkritisch motivierter, geschweige denn aus solch einer Position heraus agierender Künstler, sondern ein Kind seiner Zeit, das die in ihr vorherrschenden ästhetischen Kategorien als Chiffren des eigenen Lebensgefühls empfindet und sie als künstlerische Werk- und Spielzeuge einsetzt. Das klare Bewusstsein des nahenden Verfallsdatums dieser Kategorien, deren Ablösung durch ständig neue in immer schneller sich abwechselnden Zeitabständen droht, ist ihm dabei jederzeit präsent. Forever isn’t very long (Titel der Installation, auf die sich dieses Zitat bezog). Vielleicht verhält sich Eders Kunst gerade deshalb so zu ihnen, als hätte sie selbst keine Zeit mehr zu verlieren, als hätte sie noch nie welche zu verlieren gehabt. Es ist nicht zuletzt dieser kreative Wiederspruch aus Faszination und Paraphrase, aus dem sich seine Arbeit weitgehend speist,“ schreibt Thomas Elsen im Katalog „The Return of the Anti-Soft“.

Jagoda Bednarsky

drift bottle 1, 2015
Aquarell, Inkjetprint, Filzstift, UV-Lack auf Büttenpapier
29 × 20,5 cm
Signiert, betitelt und datiert

€ 500,- (ohne Rahmen)

Im Bereich des Mediums Malerei sind die Bilder von Jagoda Bednarsky sowohl formal als auch inhaltlich zwischen technisch-reproduzierender Abbildung und freier künstlerischer Aneignung angelegt. Ihre visuellen Darstellungsmittel wechseln von fotografischer Abbildung über drucktechnische Verfahren bis hin zu abstrakt-gestischer Malerei. Im Mittelpunkt stehen dabei optische Darstellungstechniken wie perspektivische Spiegelung, serielle Wiederholung, netzartige Rasterung – alles wird aber immer wieder durch freie gestische Malerei, zufälligen Farbauftrag und individuelle Gestaltung gebrochen.
Jagoda Bednarskys Jahresgaben bestehen teilweise aus einer Serie von vier Unikaten mit dem Titel „drift bottle 1,2,3,4“. Hier steht das Spiel mit der Drehung einer Flasche im Mittelpunkt, sie erscheint auf jeweils einem anderen Grund und somit immer auf einer anderen Welle zu schwimmen. Ebenso fertigte die Künstlerin drei Unikate mit dem Titel „drift draft 1,2,3“ – sie beeindrucken durch ihre jeweils farblich und motivisch individuelle Komposition und Farbigkeit und eröffnen vielfältige Assoziationsfelder.
Ausstellungen (Auswahl)

2015 Synopsism, Nassauischer Kunstverein Wiesbaden (E)
MONO-CHROMO-HORO-SKOP,Kunsthalle Lingen, (E)
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München (G)

2014 Pashmina, MMK Zollamt, Frankfurt am Main (G).
Kunstverein zu Assenheim e.V., Niddatal-Assenheim (E)

2013 The Comfort of Strangers (mit Felix Kultau), Ginerva Gambino, Köln (E)
Daisy Chain, temporärer Ausstellungsraum Beethovenstraße. Köln (G)

2012 PRISMISM, 1822-Forum, Frankfurt am Main (E)
Auch wenn dir der tiefere Sinn verborgen bleibt, folge meinen Anweisungen, Stiftung Opelvillen
(Schleuse), Rüsselsheim (E)

2011 Diamond Tipped Tools, ONO-Gallery, Oslo (E)
Art In The Office, Ausstellung im Rahmen der Dublin Contemporary, Dublin (G)