Harry Kramer (1925 – 1997)

„Eine zutiefst moderne, weil vielfach gebrochene und in sich reflektierte Künstlerrolle“ – so bezeichnet Stefan Lüddemann den gebürtigen Lingener Künstler Harry Kramer. Sein Werk ist von mehreren einzelnen Phasen geprägt, in denen sich der Bildhauer, der nie eine künstlerische Ausbildung absolvierte, ganz einer Sache verschrieb.

Wer Harry Kramer im Gedächtnis behalten hat, der kennt vor allem seine Drahtskulpturen. Zwischen 1961 und 1967 entstanden, sorgte er mit diesen „kinetischen Plastiken“[1] auf der documenta 3 für Furore: Der Korpus aus Drahtgitter, in Form einer Kugel, eines Kubus, später auch einer Hand oder einem Fuß nahekommend, ein kleinteiliger Kosmos aus schwarzen, gitterartigen Streben. Darin ein „System beweglicher Elemente“, über Gummibänder verbunden, die die Kraft eines kleinen Elektromotors übertragen und, wenn er eingeschaltet ist, den ganzen Aufbau stetig in Bewegung halten. Ruckartig, wie aus dem Takt gebracht, schwanken kleine Kugeln, Rädchen drehen sich, winzige Hämmer schlagen an Glöckchen, ein rastloses Wuseln im Drahtgestell. Innerhalb seines Werkes scheinen diese Plastiken aber wie der folgerichtige nächste Schritt: Von seinem mechanischen Theater – einer „unheimlichen Phantasmagorie“[2], schreibt 1955 ein Journalist der ZEIT über die „13 Szenen“, die in der Berliner Springer Galerie gezeigt werden – zu den automobilen Figuren, schon körperlos, bloße Köpfe auf Rändern, die sich robotergleich auf ihren großen Zahnrädern fortbewegen, und den Kurzfilmen mit ebenjenen Figuren und ihrer „bizarren Komik“[3], für die Kramer den Bundesfilmpreis und einen Goldenen  Löwen auf der Filmbiennale in Venedig erhält. Von dort ist es nicht weit zu den Drahtskulpturen der 1960er-Jahre.

Sie zitiert er auch in den Möbelskulpturen des späteren Jahrzehnts: Alltagsgegenstände werden kombiniert mit einfachen Möbelstücken, in grellen Farben bemalt und mit vereinzelten Glühbirnen beleuchtet. Diese Objekte ebenso wie die „Schiebeplastiken“, organische Formen mit passgenau zusammengefügten Teilelementen, die gegeneinander verschoben werden können, treffen auf zwiegespaltene Meinungen in der Kunstwelt. Kramer macht „aus dem sperrigen Kunstwerk ein Objekt, das ebenso Handschmeichler wie Augenfreude ist“[4] und von vielen als Versuch abgetan wird, endlich auch auf dem Kunstmarkt erfolgreich zu sein. 1970 erfolgt dann ein Einschnitt innerhalb seiner Arbeit: Er übernimmt die Professur für Bildhauerei an der Gesamthochschule Kassel: „Kunst nicht vorzuführen, sondern authentisch vorzuleben“[5] ist seine Maxime. In der flachen Hierarchie seiner Klasse unterstellt er seine eigene Produktion fast gänzlich dem Kollektiv, in dieser Phase entstehen nur wenige Arbeiten. Stattdessen wird er selbst zum Kunstwerk: In der Serie „Künstliche Menschen“ von 1972/73 werden zwei Automaten ausgestellt, die nach seinem Gesicht und Körper abgeformt sind. Wirft man eine Münze ein, bewegt der eine die karobedeckten Gliedmaßen, der andere öffnet eine kleine Flügeltür in seiner Brust und spielt eine Aufnahme von Kramers Stimme an. Fast 10 Jahre nach seinem Antritt in Kassel begann er wieder mit einem eigenen Projekt, den Schrifttafeln zur Apokalypse: Auf 24 Tafeln befinden sich die Texte der Johannesoffenbarung, übersetzt in einen Code aus vier verschiedenfarbigen Punkten in Acryl. Zum Auftakt der Retrospektive Harry Kramers 1995 in Lingen waren diese Tafeln in eine spektakuläre Performance integriert, bei der der Künstler ebenfalls anwesend war. Auf der die Halle IV der Länge nach durchziehenden Empore wurden sie auf Staffeleien ausgestellt, und mit 20 Scheinwerfern beleuchtet, den einzigen Lichtquellen im Raum. Die Scheinwerfer eines LKW erleuchteten den Besuchern den Weg, die die Halle zum Avantgarde-Jazzrock der Band „Ugly Culture“ aus Köln betraten.

Sein letztes Projekt war die Nekropole in Kassel, ein Künstlerfriedhof für namhafte KünstlerInnen, den er zu großen Teilen aus seinem eigenen Kapital und dem Verkauf des Mechanischen Theaters finanzierte. Harry Kramer wurde selbst anonym auf dem Gelände am Habichtswald bestattet.

Biographie:

Harry Kramer wird am 25. Januar 1925 in Lingen geboren, in einer ärmlichen Umgebung, in der seine Eltern ihm ein Leben als Straßenfeger prophezeien, weil er der deutschen Rechtsschreibung nicht Herr wird. Als er 7 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an Tuberkulose. Danach zieht sich der schmächtige Junge Harry in sein Innerstes zurück, nennt sich, rückblickend auf diese Zeit, später einen Hochstapler. Nach einer Ausbildung zum Friseur und dem Kriegsdienst arbeitet er vier Jahre lang als Tänzer und Schauspieler, bevor er 1952 mit der Arbeit am „Mechanischen Theater“ beginnt. 1956 zieht er nach Paris, es folgen Aufenthalte in den USA, Ausstellungen und eine Gastdozentur an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Von 1970 bis 1992 lehrt er Bildhauerei an der Gesamthochschule Kassel, in seinem letzten Jahr dort eröffnet die Kasseler  Nekropole. Am 20. Februar 1997 stirbt Harry Kramer in Kassel.

[1] Lüddemann, Stefan: Harry Kramer. Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen, Bd. 64. Bonn, 2007. S. 25.

[2] Die Zeit, 22/1955, 2. Juni, kgl. Online unter : http://www.zeit.de/1955/22/mechanisches-theater.

[3] Lüddemann 2007, S. 18.

[4] Lüddemann, 2007, S. 41.

[5] Lüddemann 2007, S. 51.